Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein

04.01.2019 | Lasst uns selbst entscheiden!

04.01.2019 | Lasst uns selbst entscheiden!

Immer wieder passiert es, dass Menschen an ihrem Lebensende entgegen ihren Wünschen in Krankenhäuser gebracht, künstlich ernährt, beatmet und somit nur mit oft aufwendiger medizinischer Hilfe am Leben erhalten werden. Dabei will der kranke, alte Mensch vielleicht doch nur noch in Würde und Frieden sterben dürfen. Doch wer entscheidet in Notfallsituationen?
Gibt es eine Patientenverfügung -was ist dort geregelt- ist sie aussagekräftig und klar?
Oft muss sehr schnell entschieden werden, da ist es wichtig, dass Klarheit besteht und der Patientenwille bekannt und schriftlich festgelegt ist.
Nur so ist es möglich, dass kein med. Personal Angst vor unterlassener Hilfeleistung haben muss!
Möchte ich Begleitung von Hospizmitarbeitern? Was ist mir wichtig?

Was kommt für mich nicht in Frage? All diese Dinge müssen besprochen werden, sonst können sie nicht umgesetzt werden. Die Hemmschwelle dieses Themas ist leider sehr groß und es ist eine große Überwindung sich damit auseinander setzen zu müssen!

Hat man eine Festlegung getroffen und kommt später zu neuen Ansichten kann jederzeit eine Überarbeitung erfolgen. Die Themen sind nicht neu, allerdings mussten sich die Fachkräfte in den Altenhilfeeinrichtungen, sofern die Betroffenen diese Fragen nicht vorab individuell geregelt hatten, zur Abklärung die erforderliche Zeit frei schaufeln, oder an andere Personen delegieren. Manchmal waren dazu widersprüchliche Ansichten in den Familien auch nicht aufzulösen.
Nun werden im Rahmen einer Projektphase bis 2020 dafür geeignete und geschulte Fachkräfte durch die Krankenkassen finanziert.
Bei der Diakoniestiftung haben vier Versorgungsberaterinnen eine Ausbildung begonnen und nehmen damit in Thüringen eine Vorreiterrolle ein.
Birgit Ullmann aus Bad Lobenstein ist eine von ihnen. Als Advance Care Managerin, wie es unter Fachleuten heißt, berät sie auf Wunsch, zum Beispiel in den Seniorenpflegeheimen Emmaus und Elisabeth in Ebersdorf, Gefell und verschiedenen Behinderteneinrichtungen der Stiftung.

Frau Ullmann, was macht eine Versorgungsberaterin?
Ich spreche mit Bewohnern über ihre Wünsche am Lebensende und helfe ihnen festzulegen, welche medizinischen Maßnahmen im Ernstfall ergriffen werden sollen. Dieses Thema ist sehr sensibel, wird aber dankbar angenommen. Die Menschen sagen oft „lasst uns selbst entscheiden“.
Das sollte doch in Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht festgelegt werden.
Ja, viele Menschen haben so etwas, doch dort sind oft allgemeine Festlegungen getroffen, zum Beispiel die Formulierung „ein menschenwürdiges Dasein ermöglichen“. Doch da ist sehr viel Spielraum. Wir legen in den Gesprächen genau fest, ob zum Beispiel jemand immer wieder ins Krankenhaus will oder künstliche Beatmung wünscht, wenn es keine Sicht auf Besserung gibt. Ist im Ernstfall eine Reanimation erwünscht?
Gibt es in einem Pflegeheim nicht genug Personal, um solche Gespräche zu führen?
Nein! Der Personalnotstand lässt oft kein längeres Gespräch zu! Die Pflegerinnen und Pflege arbeiten oft am Limit. Die Krankenkassen, die unsere Arbeit finanzieren, wünschen eine neutrale Beratung. Das Pflegepersonal ist für vieles zuständig und wechselt durch den Schichtdienst häufig. Die Versorgungsplanung am Lebensende soll mit einer Person unabhängig vom Pflegealltag geführt werden. Eine Person, die sich dafür ausreichend Zeit nehmen darf.
Wie verläuft ein Versorgungsgespräch?
Im besten Falle sollte dies geführt werden, wenn die Menschen noch für sich selbst entscheiden können. Ist dies nicht möglich, müssen Betreuer oder Angehörige mit Vollmacht dazu kommen. Dann sprechen wir über jede einzelne Situation und legen fest, welche medizinischen und lebenserhaltenden Maßnahmen getroffen werden. Oft wird ein mehrmaliges Treffen nötig sein, so hat der Betroffene Zeit, sich Gedanken zu den eigenen Wünschen zu machen.
Haben die Menschen schon eine Vorstellung von ihrem Lebensende?
Häufig spielen Erfahrungen beim Tod der eigenen Eltern oder des Partners eine Rolle. Wer erlebt hat, wie Menschen trotz hohen Alters und schwerster gesundheitlicher Einschränkungen am Leben gehalten werden, weiß oft genau was er will und was nicht.
Wie reagieren die Angehörigen?
Das ist unterschiedlich. Gerade in Familien wird es oft zum Problem, wenn entschieden werden soll, wenn Mutter oder Vater nicht mehr selbst entscheiden können. Durch unsren Versorgungsplan wird festgelegt, was zu tun ist, dass erspart Diskussion und Streit, wenn der Ernstfall eintritt.
Was geschieht mit diesen Festlegungen?
Ich erstelle auf Wunsch einen Notfallplan, der in der Patientenakte hinterlegt wird. Dort steht genau, wann reanimiert werden darf oder wann künstliche Beatmung erfolgen soll usw. An diese Festlegung haben sich Ärzte, Pflegepersonal und auch Angehörige zu halten.
Wie nehmen die Bewohner das Angebot an?
Meine Arbeit hat erst am 1. Dezember begonnen. In allen bisherigen Gesprächen war die Resonanz erstaunlich positiv. Die Leute wollen gehört werden, das habe ich in meiner früheren Tätigkeit bei Pflegeberatungsgesprächen auch schon erlebt.
Was war das?
Ich bin Krankenschwester, arbeite seit fast 30 Jahren in der Altenhilfe und war dort Pflegefachkraft in einer Diakonie Sozialstation, ehrenamtlich arbeite ich als Hospizbegleiterin.
Ich freue mich sehr, meine Herzensangelegenheit des würdigen Sterbens voran bringen zu dürfen und hoffe, dass viele Heimbewohner und ihre Angehörigen dieses Angebot annehmen werden und das Sterben wieder ein Teil des Lebens werden darf!

Kontakt: Birgit Ullmann, Versorgungsberaterin,
Mobil: 0151 - 20380244, Mail: B.Ullmann@diakonie-wl.de


Interview: Sandra Smailes
Bild:Versorgungsberaterin Birgit Ullmann im Gespräch mit Marianne Schumann aus Wurzbach. Sie lebt im Seniorenzentrum Emmaus in Ebersdorf.

 
Klicken Sie hier!
Warum brauchen wir Ihre Spenden?
Klicken Sie hier!
Link Michaelisstift Gefell
Ev. Stiftung Christopherushof
Stiftung Sophienhaus Weimar
Diakonie Stetten e.V.