Kommt zu uns, hier wird auch gelebt

„Kommt zu uns - hier wird nicht nur gestorben, hier wird auch gelebt“

Wenn einmal wöchentlich im Friedrich Zimmer Haus Waschbretter und gusseiserne Bügeleisen zum Einsatz kommen, dann ist nicht etwa die hauseigene Waschmaschine defekt, sondern die Kinder der benachbarten Tagesstätte „Holzwürmchen“ sind zu Besuch.
Damian sitzt neben Ursula, Madita neben Horst, Jamie neben Hedwig... im Raum ist freudige Erwartung zu spüren. Sie singen und spielen das Lied von den „fleißigen Waschfrauen“.
Ins Leben gerufen wurde dieses Projekt von der Weimarer Diplom-Musiktherapeutin Susanne Schodlok. Seit fast 25 Jahren arbeitet sie in selbständiger Praxis mit hochbetagten, dementen, sterbenden, kriegstraumatisierten und Schädel-Hirn-verletzten Menschen ebenso wie mit Kindern und konnte somit vielfältige Erfahrungen sammeln. Nun führt sie zusammen, was zusammengehört.
Der demografische Wandel der letzten Jahre brachte grundlegende Veränderungen in der Familienstruktur mit sich. Die Großfamilie, in der verschiedene Generationen zusammenleben und voneinander profitieren können, ist sehr selten geworden. Die Lebenswelten alter und junger Menschen scheinen oft weit entfernt und Kontakte selten.
Aus dieser Überlegung heraus entwickelte Frau Schodlok ein generationsübergreifendes Konzept. Sie nutzte die direkte Nachbarschaft von Kindertagesstätte und Friedrich-Zimmer-Haus und stieß mit ihrer Idee auf offene Ohren bei den Leitern der Kita und des Pflegeheimes.
Sehr schnell war klar, dass es sich hier nicht um einen braven Anstandsbesuch der Kinder handeln sollte, sondern echte Begegnungen zwischen Alt und Jung ermöglicht werden sollen - ähnlich wie in einer Großfamilie.
Seit drei Monaten gibt es diesen festen Termin im Kalender, auf den sich schon alle immer sehr freuen. Dabei ist es spannend zu erleben, welch verschiedene Kindheitserfahrungen hier aufeinander treffen. Die Bewohner des Zimmer-Hauses haben ihre Kindheit zumeist unter den Bedingungen des zweiten Weltkrieges verbracht, daher kaum Möglichkeiten gehabt, unbeschwert einfach nur Kind zu sein. Die meisten von ihnen sind heute von Demenz betroffen. Das Langzeitgedächtnis wird durch diese regelmäßigen Treffen aktiviert und ermöglicht den Bewohnern erfüllte Momente der Erinnerung und Begegnungen mit den Kindern.
Hier ist besonders großes Einfühlungsvermögen gefordert, welches von Frau Schodlok musiktherapeutisch sensibel unterstützt und begleitet wird. Ihr zur Seite stehen eine Mitarbeiterin des Kindergartens und eine Dame im Ehrenamt des Pflegeheimes.
So kann jede Woche neu erlebt werden, wie Musik als Brücke zwischen den verschiedenen Lebensaltern lebendigen Kontakt ermöglicht. Sehr treffend drückte es eine 85-jährige Dame aus, als sie meinte: “Kommt zu uns - hier wird nicht nur gestorben, hier wird auch gelebt.“
Jedes Lebensalter hält „Expertenwissen“ auf seinem Gebiet bereit. Kinderlieder und - tänze aus vergangenen Zeiten werden aufgefrischt. Erzählungen über alte Handwerke und Berufe wecken bei den Kindern regelmäßiges Staunen und großen Wissensdrang.
Die Kinder bringen Spiellieder aus ihrer Welt mit ein, welche auch bei den älteren Menschen auf großes Interesse stoßen.
Im Laufe der Zeit haben sich schon Freundschaften entwickelt und der regelmäßige Abschluss mit einer „Kitzelrunde“, welche eine der Seniorinnen ins Leben rief, gehört genauso dazu, wie das gemeinsame Vespern, bei denen das gute alte Geschirr zu neuen Ehren kommt - was von den Kindern ganz besonders geschätzt wird.
Gehen die Kinder dann wieder vergnügt zur Mittagsstunde in den Kindergarten, plaudern die alten Menschen noch lange von den Erlebnissen dieser gemeinsamen Stunde. Jede der beiden Generationen nimmt wertvolle Impulse mit in ihre Welt. So kann man wohl mit Erich Kästner sagen: Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit.

Unterstützt wurde dieses generationenübergreifende Begegnungsprojekt bisher von der Deutschen Stiftung für Demenzerkrankte, Köln. Alle Beteiligten haben den Wunsch, dass diese intergenerativen Begegnungen auch zukünftig weiter gepflegt und begleitet werden können. Wer diese Arbeit unterstützen möchte, kann sich melden bei:
Herrn Thomas Börner, Leiter des Friedrich-Zimmer-Hauses
Eduard-Rosenthal-Straße 24,99423 Weimar
Tel.: 03643 - 8880-50, Mail: fzh@diakonie-wl.de

Um weitere Projekte in Weimar und Umgebung lebendig werden zu lassen, können sich gern auch andere Kinder-oder Pflegeeinrichtungen an Frau Schodlok wenden, welche als Musiktherapeutin ambulant thüringenweit tätig ist:
Musiktherapeutische Praxis
Susanne Schodlok, Diplom-Musiktherapeutin
Neurologische Musiktherapeutin/ Heilpraktikerin/ Psychotherapie/ Gartentherapeutin, Tel.: 03643 - 744667, Mail: susaschodlok@hotmail.de