Traurige Vorreiter

Traurige Vorreiter - Wie eine Schule in freier Trägerschaft auf die Gesetzesänderungen in Thüringen reagieren muss


Kochen als Lernen fürs Leben: Am Tag vor den Ferien bedienen sich die „Bücherwürmer“ der Michaelisschule am selbstgekochten Mittagsmenü. Foto: Tino Zippel


Bad Lobenstein. Ob Jena, Greiz, Altenburg oder Bad Blankenburg - die Probleme sind überall die gleichen wie an der Michaelisschule in Bad Lobenstein. Die freien Schulen beginnen, die Auswirkungen des neuen Schulgesetzes für die Freien Träger zu spüren: die Zuschüsse sinken.

Am letzten Schultag kommt Selbstgekochtes bei den „Bücherwürmern“ auf den Tisch. „Hmmm, schmeckt gut“, sagt Virginia und piekst die nächste Kartoffel an. So fröhlich die Kinder den Osterferien entgegenfiebern, so sehr schlagen Schulleiterin Anett Wildt die Neuigkeiten aus dem Thüringer Kultusministerium auf den Magen. „Wir haben genau die Schule, die Herr Matschie will. Aber uns werden die Lebensbausteine entzogen“, sagt sie, während sie einen Ordner mit Zahlen zieht.

Bekam ihre Einrichtung 2006 noch 5200 Euro pro Schüler und Jahr, sind es heute knapp über 4000 Euro. Das Land schießt seit der Gesetzesnovelle im Dezember statt 85 nur noch 80 Prozent dessen zu, was ein Schüler an einer staatlichen Schule kostet. Gleich an mehreren Stellen sei dieses Verfahren unfair. Zum einen würden nicht die tatsächlichen Kosten in staatlichen Schulen als Grundlage genommen. „Außerdem gelten als Bemessungsgrundlage die Werte von vor zwei Jahren. Dazwischen liegen gestiegene Strompreise und Tariferhöhungen“, sagt Wildt.

Die Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein betreibt die Einrichtung seit 1999, damals als reines Förderzentrum für geistig Behinderte. „Der Staat war froh, dass er die Freien Träger hatte“, sagt der Vorsitzende der Geschäftsführung, Dr. Klaus Scholtissek. Die Stiftung investierte, die Schule wuchs. 2002 wünschten sich die Eltern, eine Grundschule zu integrieren. Heute lernen die Schüler jahrgangsübergreifend. Neben einem Lehrer betreut jeweils ein Sonderpädagoge die Grundschulklassen, um dem Förderbedarf gerecht zu werden. Durch die bröckelnden Landeszuschüsse fühlt sich der Träger an die Wand gedrückt. 80 Euro Schulgeld zahlen die Eltern pro Monat. Sozialschwache Familien erhalten Nachlass. Durch die gesunkenen Landesgelder müssten die Beiträge auf mehr als das Doppelte steigen. „Das ist in unserer Region nicht zu machen“, sagt die Schulleiterin. Allenfalls minimaler Spielraum bestehe beim Schulgeld. Erhöhen will die Diakoniestiftung nicht, schon allein, um dem Vorwurf zu entgehen, die Freien Träger richten sich nur an Reiche.

Stattdessen sucht sie andere Wege. Am 2. Mai gründet sie die Förderstiftung Michaelisschule. Honoratioren sitzen im Stiftungsrat, wollen Gelder einwerben, um dieses anzulegen. Die Zinsen fließen in den Etat. „Kurzfristig wird das unsere Lücke nicht schließen“, sagt Scholtissek. Doch welche Auswege bleiben, wenn bei den Sachkosten kaum Stellschrauben zum Sparen bestehen? „Am Ende bleibt das Personal“, sagt Wildt leise. Sie weiß, dass ein Abbau einen Qualitätsverlust bedeuten würde. 32 Kollegen kümmern sich um 104 Grund- und 50 Förderschüler. „Damit erfüllen wir genau die gewünschten Standards, um gut auf die Entwicklung eines jeden Kindes eingehen zu können“, sagt Scholtissek.

Virginia von den „Bücherwürmern“ weiß die Betreuung zu schätzen. Sie lernte erst in der Grundschule in Wurzbach. „Meine Lehrerin war nicht so gut“, berichtet die Neunjährige. Viel zu schnell habe jene mit immer neuem Stoff fortgesetzt, obwohl sie etwas nicht verstanden habe. Hier sei das anders, lobt sie. Dr. Scholtissek hört aus der Ferne zu, nickt lächelnd. Er will die Zuwendungsbescheide vom Land abwarten, lässt aber bereits eine Verfassungsklage prüfen. Im Moment kann er sich des Eindrucks nicht erwehren, Kultusminister Christoph Matschie (SPD) wolle „die Freien Träger ins zweite Glied drängen“. Auch, weil Förderschüler verstärkt an normalen Regelschulen lernen sollen. „Dort fehlen neben den räumlichen auch die personellen Voraussetzungen“, sagt Scholtissek.

Das Land sollte weiter auf „die Pluralität der Konzepte setzen“. „Binnen einer Legislaturperiode kann man Thüringen nicht zum Bildungsland Nummer eins machen. Eine Schullandschaft lässt sich nicht mit dieser Brutalität umkrempeln.“ Und so hoffen sie auf ein Einlenken des Kultusministers. Nicht nur in Bad Lobenstein, sondern auch in Jena, Greiz, Altenburg oder Bad Blankenburg.


Text/Foto: Tino Zippel - OTZ